Tobias Kaufmann 06.03.2008 14:17 +Feedback
Achsen-Werbung in "Konkret"
Das proletarische Massenblatt "Konkret" hat in einer investigativen Recherche enthüllt, dass hinter der Achse des Guten nicht etwa "Freunde des unkonventionellen Denkens" stehen, sondern miese Lohnschreiber der Herrschenden. Voller lustiger Ironie – und voller Fehler (auch googeln will gelernt sein) – werden wir alle ganz "konkret" (Ich kann auch lustige Ironie!) entlarvt. Potzblitz! Jetzt aber schnell dieses Enthüllungsstück lesen und dann hopp, hopp zurück zur Weltrevolution ...
"Schule der Fuzzis"
Ein Schuft, dem das nicht gerade noch gefehlt hat: »Ein Zusammenschluß von Publizisten, die allesamt mit Verve den Mainstream herausfordern, eine
Vereinigung von Freunden des unkonventionellen Denkens.« Er nennt sich »Die Achse des Guten«, der Verein, den die als Feindin des Mainstreams einst zur Bundesministerin aufgestiegene Andrea Fischer in der Berliner
Untergrundzeitung »Tagesspiegel« da anpreist.
Als Gute grüßen: Cora Stephan, Henryk Broder, Dirk Maxeiner, Michael
Miersch, Matthias Horx, Ulrike Ackermann, Burkhard Müller-Ullrich, Hannes
Stein und Tobias Kaufmann. Manche von ihnen verbinden alte Zeiten - als
Redakteurin und Redakteur der Spontizeitung »Pflasterstrand« die eine und
der andere, als Sympathisant der Kölner DKP der eine, als Volontär einer
als »linksradikal« firmierenden Zeitung der andere. Was verbindet die
unkonventionell denkenden Herausforderer des Mainstreams heute? Wo
schreiben sie die unbequemen Wahrheiten hin, die keiner drucken will? Von
Flugblättern allein kann keiner leben.
Cora Stephan verrät, wer ihre letzten 38 unkonventionellen »Publikationen« gegen den Mainstream denn doch gedruckt oder gesendet hat: 5 das »Deutschland Radio«, der offizielle Propagandasender der Republik, neun der »NDR«, eine das »Handelsblatt« und 13 Springers »Welt«.
Ganz anders der hauptberufliche Querdenker Matthias Horx: »Ich schreibe
derzeit bevorzugt für »Weltwoche«, »Brand eins« und »Die Welt«.
Die Ulrike Ackermann, die sich mit dem Schreiben noch schwerer tut als ihre
Kollegen, muß breiter streuen. Sie sei, sagt sie, »freie Autorin« für die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, die »Süddeutsche Zeitung«, die
»Tageszeitung«, »Kommune« und »Merkur«, »Frankfurter Rundschau«, »NDR«, »SWR«, »WDR«, »Deutschland Radio«, »Deutschlandfunk«, »Hessischer Rundfunk« und - was vergessen? - die »Welt«.
Eine Sonderstellung nimmt der Burkhard Müller-Ullrich ein, der für
»Südwestfunk«, »Deutschland Radio«, »Süddeutsche Zeitung«, »FR«, »WDR«, »BR«, »Deutsche Welle«, »Radio Berlin/Brandenburg«, die Zeit«, die »FAZ«, den »NDR«, den »Rheinischen Merkur« und - na? - die »Welt« schreibt.
Ausgefallen das Ensemble dissidenter Medien, das der Tobias Kaufmann bedient, der jüngste der Guten, auf dem Weg vom Frühehen (»1976, auf den Tag genau zwei Jahre bevor der 1. FC Köln durch ein 2:1 über die Düsseldorfer Fortuna Deutscher Pokalsieger wird, trennt sich Tobias in einem Leverkusener OP verfrüht vom verkalkten Mutterkuchen«) zum Früchtchen: »Tageszeitung«, »Das Parlament«, »Berliner Zeitung«, »Jüdische Allgemeine«, »Der Standard«, »Kölner Stadtanzeiger«, »ORB«. Da fehlt was? Es fehlte bis zum 11. Januar 2006. Seit 12. Januar nicht mehr: die »Welt«.
Dirk Maxeiner und Michael Miersch sind Kolumnisten. Wo? Überraschung: bei
der »Welt«, und Hannes Stein, der für die »FAZ«, den »Spiegel«, die
»Weltwoche«, den »Merkur« und den »Rheinischen Merkur« schrieb, ist heute Redakteur bei der »Welt«, für deren Verleger auch Broder, angestellt beim »Spiegel« (noch von Rudolf Augstein, der damit beweisen wollte, wie unrecht Broder hatte, den Verleger des Spiegel einen »gepflegten
Salon-Antisemiten« zu nennen), gerne mal aufschreibt, wie recht der Axel
Springer doch gehabt habe.
Ein Paradebeispiel für das unkonventionelle Denken aller, die im
»publizistischen Netzwerk Achse des Guten« hängen, geben die »Einsturzgedanken« von Müller-Ullrich:
*Was für eine grausame Ironie: Während unzählige Journalisten über die
Frage räsonieren, ob Schnee in unseren Breiten immer seltener werde und
ob es vielleicht bald keine weiße Weihnacht mehr gebe, sind es just die großen Schneemassen, die in diesem Winter eine Katastrophe nach der anderen verursachen: erst knicken dutzendweise Strommasten zusammen und sorgen für einen tagelangen Blackout ganzer Landstriche, und dann stürzt eine Eissporthalle ein, deren Tragfestigkeit schon vorher in Frage gestellt worden war.*
Moral: Am Tod der 16 Schlittschuhläufer sind, recht besehen, die Leute
schuld, die vor der Erwärmung der Atmosphäre warnen. Denn unbestreitbar
ist: mehr Wärme, weniger Schnee auf dem Dach der Eissporthalle. Und so
erweist sich das Etikett der neun unkonventionellen Denker gegen den
Mainstream schließlich doch nicht als Schwindel: Das Lob der Herrschaft noch dort zu singen, wo diese über Leichen geht, hindert die unzähligen
konventionellen Lohnschreiber ein Rest von Scham.
Michael Schilling" (Aus "Konkret 2/06, Vielen Dank an P.V. für den Hinweis und die Mühe)
P.S. Ich gebe ehrlich zu, dass ich den letzten Satz, trotz ehrlichen Bemühens, nicht verstanden habe. Vielleicht kann mir ein Achsen-Leser dabei helfen?
