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  03.11.2006  00:37   +Feedback

Brief aus Washington, Fortsetzung

Auf das Holocaust Museum reagiere ich erst einmal mit gehoerigem Unmut. Am Eingang wird mir eine "Identification Card" ausgehaendigt, in der ich die Geschichte eines Ueberlebenden beschrieben finde, eines polnischen Juden, dem es mit seiner Freundin gelang, aus Sobibor in die Waelder zu den Partisanen zu fliehen.
Identifikationskarte: Ich werde also ausdruecklich eingeladen, mich mit diesem Chaim Engel, geboren 1916 in Brudzew, zu identifizieren. Ich bin aber kein Ueberlebender. Das groesste Trauma, das ich in meinem Leben hatte, war vermutlich, dass ich einmal einen Schwindelanfall erlebte, als ich auf eine Leiter stieg, um eine Gluehbirne einzuschrauben. Aber es kommt noch schlimmer. Die Aufzuege im Holocaust Museum sind Krematoriumsoefen nachempfunden. Das ist Kitsch, Geschmacklosigkeit, Geisterbahn (beinahe so geschmacklos wie der lachhafte "Holocaust-Turm" in Libeskinds juedischem Museum in Berlin). Endgueltig peinlich wird es, als uns ein freundlicher unformierter Mensch, bevor er im Aufzug aufs Knoepfchen drueckt, darueber aufklaert, dass es in jedem Stockwerk "Restrooms" gibt, also Toiletten. Ich weiss nicht, ob ich schreien oder kichern soll.
Was mich ein wenig mit dem Holocaust Museum versoehnt, ist die kunterbunte Schulklasse, in deren Mitte ich mich bald wiederfinde. Der heilige Ernst der Jungen und Maedchen um mich herum gefaellt mir. (Und die Ausstellung ist ordentlich gemacht, da gibt es nichts zu meckern.) Einen mittelschweren Wutanfall habe ich dann aber wieder in dem Museumsladen: Da kann man doch tatsaechlich fuer fuenf Dollar Anstecknadeln kaufen, auf denen der Nazi-Judenstern oder das rote Dreieck der politischen Haeftlinge oder der beruehmte rosa Winkel abgebildet sind. Ich denke an Emma Biermann, die Mutter von Wolf: Die trug ihr Leben lang einen Ring mit einem dreieckigen roten Stein. Die durfte das. Ihr Mann Dagobert sass bis 43 als "Politischer" im Zuchthaus, dann wurde er nach Auschwitz deportiert. Dass aber jeder Tom, Dick und Harry sich hier so ein rotes Dreieck kaufen kann, kommt mir wie eine Anmassung vor.
Ich habe mir, nachdem ich meinen Wutanfall hinter mir gelassen hatte, aber schliesslich doch noch ein Souvenir gekauft: einen Kaffeebecher mit dem Logo des 101st Airborne drauf, das Dachau befreit hat. Spaeter gehe ich am Potomac spazieren und wundere mich, dass die Welt so schoen ist.

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