Michael Miersch 03.11.2006 11:52 +Feedback
Papst Benedikt verbessert katholische Konkurrenzfähigkeit im globalen Religionswettbewerb
Gastbeitrag von Albert Sellner:
Ein hartes Handikap im Kampf um die Seelen der Religionsverbraucher vor allem in Afrika und Asien stellte bisher die traditionell katholische Auffassung vom Schicksal der ungetauft gestorbenen Kinder im Jenseits dar. Nach ihr müssen die armen Seelen jener Unglücklichen in den „limbus infantium“. Limbus bedeutet "Rand" oder "Saum." Wer sich im Limbus befindet, kann zwar keine Glücksgefühle, aber auch kein Leid oder Mangel erfahren.
Frühe christliche Denker sprachen noch von einer „Vorhölle“, während Theologen im Mittelalter dann einen Limbus schufen, der außerhalb von Himmel, Hölle und Fegefeuer liege und an dem es keine körperlichen oder seelischen Qualen, aber auch keine vollkommene Glückseligkeit, das heißt keine Anschauung Gottes gebe.
Nach islamischer Vorstellung hingegen kommen tot geborene Babies direkt ins Paradies - ein nicht unwesentlicher "Wettbewerbsvorteil" in Ländern mit hoher Kindersterblichkeitsrate. Auch der Protestantismus kennt die Institution der „Vorhölle“ nicht, hat bisher allerdings diesen Konkurrenzbonus nicht herausgestrichen.
Auf diesem Feld steht nun ein von Papst Benedikt inspirierter theologischer Wandel bevor. Eine Internationale Theologenkommission des Vatikans, die bei der Glaubenskongregation angesiedelt ist, hat Anfang Oktober getagt und eine Empfehlung ausgearbeitet, die die Abschaffung der „Vorhölle“ für ungetaufte Kinder vorsieht. „Das ohne Taufe gestorbene Kind,“ erklärte ein Mitglied der Kommission, „das in keiner Weise an diesem Mangel Schuld ist, wird nun der Gnade Christi anvertraut, der es rettet.“
Bereits in seinem Interview-Buch „Zur Lage des Glaubens“ hatte der damalige Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, erklärt: „Der Limbus ist niemals definierte Glaubenswahrheit gewesen. Ich persönlich – wobei ich mehr als bisher als Theologe und nicht als Präfekt der Kongregation spreche – würde ihn fallen lassen, da er immer nur eine theologische Hypothese gewesen ist.“
Mit einer endgültigen lehramtlichen Entscheidung der Frage – und damit nach kirchlichem Glauben der Befreiung von Millionen Seelen aus der „Vorhölle“ ist, entgegen mißverständlichen Pressemeldungen ("Times", Standard"), erst für nächstes Jahr zu rechnen. Erst dann können junge Eltern frohen Mutes bei der Wahl ihrer Konfession auch den Beitritt zur katholischen Kirche als Entscheidungsmöglichkeit berücksichtigen.
PS (von MM): Viel unterhaltsames Material zur Geschichte des katholischen Jenseits, aber auch zu den finsteren und hellen Zeiten des Papsttums findet sich im soeben erschienenen „Immerwährenden Päpstekalender“ (Eichborn Verlag, Andere Bibliothek Bd. 260, 430 S., 30,00 EUR) von Albert Christian Sellner. Für die zahlreichen libertären Vatikanfans ein möglicherweise apartes Geschenk….
