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22.07.2010 23:35
Geht ruhig!
Deutschlands Journalisten sind beleidigt. Ein Politiker nach dem anderen sagt einfach laut und unüberhörbar „servus“. Freiwillig. Das gehört sich doch nicht, so die Meinung der Kommentatoren: Politiker gehen bitte schön, wenn wir es wollen! Und dann gefälligst widerwillig und unter peinlichen Klammerreflexen! Wie soll man denn sonst noch Kerben in die eigenen publizistischen Flinten ritzen, für Politiker, die man „aus dem Amt geschrieben“ hat?
Die publizierende Zunft kritisiert die vielen Abgänge vor allem deshalb so hitzig, weil diese die abnehmende Macht des Journalismus demonstrieren. Aber: die Tatsache, dass die von Beusts dieser Welt offenbar weniger an ihren Stühlen kleben als früher, verärgert auch jenseits der Redaktionsstuben. Das ganze Land schimpft über die verantwortungslosen Gesellen, die einfach so das Weite suchen. Auch die Social-Media-Sphäre ist erbost. Meine These aber: Der ganze Ärger ist unnötig. Politikerrücktritte sind überhaupt nicht schlimm.
Mancher Politkritiker würde nun wohl antworten: Politiker sind …
22.06.2010 20:26
Brauchen wir wirklich mehr Mitte?
Meine Eltern wohnen in Groß-Buchholz, einem Stadtteil von Hannover. Groß-Buchholz ist nicht besonders schön. Oder gar spannend. Nein, es ist auf mittelmäßige Weise nett. So mittelmäßig nett wie Hannover insgesamt.
Die schöne Mittelmäßigkeit von Stadtteilen wie Groß-Buchholz oder Städten wie Hannover war zuletzt ein Lieblingsthema des Feuilletons; über sie sowie die Zuneigung der Deutschen zu ihnen wurde im Zuge der Lena-Euphorie ausgiebig philosophiert. Nicht aber wurde sie in Beziehung gesetzt zu einer anderen deutschen Herzensdebatte – jener über den angeblich abstiegsbedrohten Mittelstand. Dabei hängen beide Diskussionen eng zusammen. Die Freude der Deutschen an Hannovers Mittelmäßigkeit nämlich offenbart eine tiefe Sehnsucht nach Normalität, Maß, Mitte. Und die Panik angesichts einer eigentlich unspektakulären (geradezu mittelmäßigen) neuen DIW-Studie, die das Ende der Mittelschicht verkündet, verdeutlicht, wie sehr die Deutschen diese Sehnsucht bedroht sehen.
Klar ist: Wir Deutsche wollen mehr Mitte. Aber warum eigentlich? Schon die implizite …
14.06.2010 22:27
Die Gentrifizierer kommen
Ein Lieblingswort kritischer Geister ist die Gentrifizierung. Sie beginnt immer da, wo Menschen es sich gut gehen lassen. Ein sanierter Altbau ist Gentrifizierung, ein nettes Restaurant im ehemaligen Arbiterkiez ebenso. Und haben Sie schon mal in einer linken Kneipe eine Zigarre geraucht? Wenn ja, dann willkommen im Club – der Gentrifizierer.
Im Berliner Stadtteil Kreuzberg werden einige dieser Gentrifizierer gerade ein wenig gemobbt – die Macher des Kunstevents “Berlin Biennale” nämlich. Auf Plakaten werden sie dafür angegangen, dass sie die Biennale aus dem (nach Meinung obiger Geister natürlich längst „zu Tode gentrifizierten“) Stadtteil Mitte in die kuschellinke Oranienstraße geholt haben, in ein leer stehendes früheres Kaufhaus am Oranienplatz. Diese Stadtteilübernahme durch die Kunst missfällt vielen Natives. Sie fürchten, die Präsenz von Gegenwartskunst könnte die ständig umziehbereite Schicht wohlhabender Mitglieder der Kreativwirtschaft anziehen. Diese Leute „aus den Agenturen“ sind den Ur-Kreuzbergern zuwider, …
06.06.2010 23:36
Nichts gegen Joachim Gauck, aber…
Die Floskel ist beliebt: Die unübersichtliche Welt, heißt es oft, verunsichert die Menschen; folglich brauchen wir an der Spitze Persönlichkeiten, die Orientierung liefern. Diese müssen ganz anders sein als wir Normalsterblichen: Charakterlich integer, unangreifbar, ernsthaft, souverän, irgendwie „groß“.
Nun hat die öffentliche Meinung mal wieder so jemanden gefunden – Joachim Gauck. Der Mann elektrisiert alle. Der Spiegel singt morgen eine verliebte Hymne.
Ich habe nichts gegen Joachim Gauck, grundsätzlich auch nicht als Präsident. Aber muss dieses ganze Unsicherheit-Heroen-Geraune sein? Man kann den Menschen Verunsicherung auch einreden. Vielleicht sind wir gar nicht alle so chronisch angsterfüllt, dass wir uns nichts so sehr wünschen wie einen gütigen Übervater, der uns die Seele streichelt.
Die Sehnsucht nach der moralischen Oberinstanz, auf die die Gauck-Mania reagiert, ist medial konstruiert. Dabei funktoniert sie als Self-Fulfilling Prophecy: Je mehr über die Sehnsucht geschrieben wird, desto mehr glauben die Mächtigen, sie …
02.06.2010 20:30
Wehrpflicht, eine deutsche Kauzigkeit
Er muss das wahrscheinlich sagen. Die Verkürzung der Wehrpflicht auf sechs Monate sei „kein Einstieg in den Ausstieg“, versicherte kürzlich der Verteidigungsminister. Offiziell wird das natürlich auch für die aktuell kursierende Idee gelten, die Wehrpflicht zeitweise auszusetzen. Bald dürfte also wieder mit viel Pathos die Wehrpflicht zum Bollwerk gegen sämtliche Übel der Welt hochgejubelt werden.
Wenn es aber konkreter wird, ist von einem echten Nutzen Wehrpflichtiger für eine Armee im 21. Jahrhundert nicht mehr die Rede. Wie auch. Selbstredend haben die sechsmonatigen Teilzeitfighter keinen Schimmer davon, wie moderne Kriegführung gehen könnte. Das erwartet auch ernsthaft niemand. Die Wehrpflicht ist ein Überbleibsel der Nachkriegswelt, in der die Funktion der Bundeswehr eine rein innerdeutsche, gewissermaßen sozialpsychologische war. Wirklich zu tun hatte sie nichts, und das war auch gut so. Vor allem nämlich sollte sie durch ihre Existenz die Deutschen lehren, auch mit Armee zur Abwechslung mal friedlich zu bleiben. Und …
15.05.2010 10:32
Traumland? Albtraumland?
Wie viele Eiffeltürme gibt es? Jedenfalls eine ganze Menge. Wenige Bauwerke ziehen die Nachmacher unter den Architekten und Spielzeugproduzenten in ihren Bann wie das 1888 zur Weltausstellung fertig gestellte Monument. Paris hat einen, Las Vegas auch, China hat gleich zwei – in Themenparks, die beide „Window of the World“ heißen. Der Eiffelturm ist eher globale Phantasmagorie als reales Stück Architektur.
Mit solchen Phantasmagorien befasst sich die Ausstellung „Dreamlands“ im Pariser Centre Pompidou. Sie zeigt, wie die Welt im 20. Jahrhundert begonnen hat, sich selbst architektonisch zu imitieren und Städtebau als kollektive Traumrealisierung zu verstehen. Von den Ursprüngen der Traumlandschaften im New Yorker Coney Island über das modernistische Manhattan und zeitgenössische Megaprojekte in Shanghai oder Dubai zeigt „Dreamlands“, wie „Stadt“ immer wieder zur Realisation menschlicher Phantasmagorien herhalten musste oder durfte.
Stadtplanung wurde so zu etwas Frivolem. Und das ist sie bis heute, nicht nur, wenn …
06.05.2010 17:31
Fallende Helden
Was ist Geschichte? Klar, das, was wir in Schulbüchern lesen. Doch nach gängiger Meinung ist sie vor allem auch all jenes, was sich an symbolisch aufgeladenen Kernplätzen in Stadtzentren wiederfindet, auf Siegesplätzen oder Friedensalleen, unter den Berliner Linden oder am Ende des Londoner Wellington Arch. Da stehen dann leicht angegrünte, ernst blickende Heroen herum und erzählen von gloriosen Kämpfen, die gewonnen oder verloren wurden, damit eine Stadt oder ein Land werden konnte, was sie oder es ist.
Das ist natürlich ein höchst diffuser Prozess. Dieses Diffuse reflektiert eine aktuelle Serie Bilder des Künstlers Tony Conway (zu sehen in der Berliner Galerie Deschler). Conway hat Heroenstatuen aus europäischen Metropolen abfotografiert und diese Fotos als Vorlage für Grafitzeichungen auf Plexiglas verwendet. Dabei legt er immer verschiedene Schichten Glas übereinander. Der Effekt: angedeutet dreidimensional, aber auch sehr verschwommen und milchig. So milchig wie das Bild der Vergangenheit. Conway ist vor allem ein Geschichtsskeptiker. Gerade in Berlin, jener Stadt, die ständig an ihrem eigenen historischen Abziehbild arbeitet, tut diese Skepsis gut.
Conways Figuren scheinen zu stürzen. Sie sind Helden im Prozess des permanenten Fallens. Das ist so überzeugend wie aktuell. Permanent versuchen Politiker und andere Nutznießer klarer Symboliken, mit Eingriffen in den Stadtraum Versionen historischer Kontinuität zu produzieren. Permanent scheitern sie dabei. Und – vor allem: Permanent wird so die harmlose Materie vergewaltigt, werden arglose Reiterstatuen zu Projektionsflächen politischer Simplifizierung. Diese Simplifizierung scheint Conway zu kritisieren.
…22.02.2010 20:39
Feelgood für Schlauberger
Zu den langweiligsten Thesen der Welt gehört jene, die deutsche Sprache würde von einer Welle englischer Begriffe überschwemmt und damit brutal zerstört. Mit Vorliebe reproduzieren Lehrer oder Lektoren sie. Auch drittklassige „PR für Anfänger“-Seminare trichtern den Zuhörern gern ein, englische Fachbegriffe seien von Übel und kämen im deutschen Wirtschaftsjournalismus gar nicht gut an. Tun sie wahrscheinlich auch nicht, denn deutsche Journalisten gehören ebenfalls zu den unermüdlichsten Verfechtern der Reinerhaltungsthese. Anti-Dengisch-Statements sind so universell zum Schaffen von Zustimmung einsetzbar wie Plädoyers “gegen Krieg”.
Meist wittern die Einsatztruppen für reineres Deutsch, die Verwendung englischer Ausdrücke sei Teil eines tückischen Hochstaplertums. Sie fürchten, da wolle ihnen jemand irgendeine Wahrheit vorenthalten und verbräme dies mit undeutschem Kauderwelsch. Genau diese panische Angst davor, betuppt zu werden, macht die Contra-Denglisch-Tiraden unsouverän und ermüdend – so ermüdend wie jede Verschwörungstheorie. Dennoch kann man sicher sein, mit jedem noch so lauen Witz übers …


