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  21.06.2015   22:15   Leserkommentare (4)

Leichenspielscharen in Gräberlaune

Natürlich hat niemand im Ernst damit gerechnet, daß es einer wildgewordenen Künstlertruppe erlaubt sein werde, am Bundeskanzleramt mit Baggern vorzufahren, den Boden aufzustemmen und ein „Friedhofsfeld der Superlative“ anzulegen. Die Meldung, daß der geplante Leichenzug polizeilich verboten wurde, ist also keine. Bemerkenswert hingegen ist die Tatsache, daß 5000 Leute in Berlin ruckzuck zur Stelle sind, wenn es darum geht, auf grünen Wiesen Gräber zu errichten, und sich prima dabei finden.

Der Tod ist eben doch ein Meister aus Deutschland, und wenn gerade nicht genug Tote zur Hand sind, dann macht man sich auf und karrt sie heran, denn anderswo gibt es noch reichlich. Auch viele Journalisten sind darob ganz aus dem Totenhäuschen, stammeln was von Radikalität und Mut und gezielter Provokation und widmen der wildgewordenen...

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Kategorie(n): Inland 

  11.06.2015   00:04   Leserkommentare (13)

Fremdschämen mit James Last

Etliche Jahrzehnte bevor das Wort Fremdschämen auftauchte, stellte sich das entsprechende Gefühl immer dann ein, wenn irgendwo James Last zu hören war. Das lag zum einen daran, daß die Eltern, deren Musikgeschmack ein junger Mensch naturgemäß nicht teilt, von James Last begeistert waren, und zum anderen, daß diese Ohrensoße als solche eine Zumutung darstellte und darstellt. Man muß wirklich kein Schüler Adornos und kein Feind der leichten Muse sein, um den billigen Klang-Kitsch dieses deutschen Happysounds zu abhorreszieren.

Interessanterweise sind die Feuilletons heute voll mit Nachrufen, die James Lasts Werdegang und Welterfolg andächtig skizzieren, aber die künstlerische Nichtigkeit seines Wirkens allenfalls augenzwinkernd ahnen lassen. Das beruht freilich nicht auf etwaiger Pietät gegenüber dem Verstorbenen, sondern...

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  10.06.2015   18:46   Leserkommentare (3)

Post ist nicht umsonst ein Anagramm von Stop

Es gibt die Post, die man bekommt, die Post, die man betritt, sowie die Post, die gerade streikt. Schon die Vieldeutigkeit des Wortes Post zeigt, was für ein kompliziertes Thema wir hier vor uns haben. Handelt es sich um ein paar Schriftstücke, um ein Gebäude oder um ein System? Vor allem handelt es sich um eine soziale Skulptur, eine transzendentale Wesenheit, so unfaßbar und mächtig wie ihre Schwester, die Bahn. Beide sind für Transport zuständig – im einen Fall von Menschen, im anderen von Sachen.

Doch während die Bahn immer noch auf Eisenschienen fährt, hat die Post den Börsengang schon hinter sich und ist jetzt ein total modernes Unternehmen. Man spricht deshalb auch von der Postmoderne. Die ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, daß Ämter zu Filialen wurden und jetzt innen aussehen wie Jugendzimmer von IKEA. Man...

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  03.06.2015   22:01   Leserkommentare (1)

Zur sozialpsychologischen Phänomenologie des Paternosters

Vertikalbewegungen sind eigentlich interessanter als Horizontalbewegungen. Das hängt mit der Schwerkraft zusammen, dieser mächtigen astrophysikalischen Gegebenheit, die uns vom Anfang bis zum Ende unseres Daseins beherrscht. In der Waagerechten ist alles gleichwertig, aber in der Senkrechten gibt es eine Hierarchie. Es ist viel schwieriger, nach oben zukommen, nach unten geht es von allein. Auch eine Rundfahrt ist nichts Besonderes, aber für eine Auffahrt gibt es einen Feiertag.

Deshalb ist es verwunderlich, wie wenig fundamentalphilosophische Betrachtungen bislang dem Aufzugswesen gewidmet worden sind. Die spekulative Phänomenologie unterscheidet hier zunächst zwei grundverschiedene Systeme: nämlich intermittierende und kontinuierliche.

Die intermittierenden Aufzüge vollführen erratische Bewegungen, je nachdem, wer wohin will...

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Kategorie(n): Inland 

  21.05.2015   13:54   Leserkommentare (7)

Statt Bahn

Als Kind wurde mir immer schlecht im Bus. Deswegen bin ich ein passionierter Bahnfahrer geworden. Aber das ist jetzt Jahrzehnte her, und freudig danke ich der GDL, daß sie mir die Chance aufzwingt, mich weiterzuentwickeln. Also Flixbus-Ticket im Internet gebucht und gestern von Köln nach Frankfurt auf Gummireifen gerollt, und zwar zu einem so mirakulösen Preis, daß ich mich auf jede Menge üble Überraschungen gefaßt machte: acht Euro, statt der bei der Bahn üblichen 50 bei gleicher Fahrtdauer.

Es ist zehn Uhr morgens und der Busbahnhof ein chaotisches Provisorium. Nichts scheint einem irgendwie geplanten Ablauf zu entsprechen. Auf dem Aushangfahrplan ist mein Bus gar nicht verzeichnet, die Haltebuchten sind mit anderen Fahrzeugen belegt. Es erweist sich als richtig schwierig, herauszufinden, wo ich einsteigen soll. Die von einem...

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Kategorie(n): Inland 

  04.05.2015   16:55   Leserkommentare (8)

Weselsky, der Wiederholungsteufel

Wiederholung ist die Basis der Zermürbung. Da sitzen die sogenannten Tarifpartner also bis tief in die Nacht an langen Tischen voreinander und wiederholen alles schon Gesagte so oft, bis ein Zustand völliger Zermürbtheit erreicht ist, der eine Vertagung nötig macht. Dann geht es bei nächster Gelegenheit weiter mit denselben Wiederholungen, und da jeder weiß, daß die Wiederholungen als solche die Verhandlungen kein bißchen weiterbringen, erzeugen die Wiederholungen als solche schon eine Menge Verdruß. Alle Beteiligten werden gegen die zermürbenden Wiederholungen zunehmend allergisch.

Und das gilt nicht nur am Verhandlungstisch, sondern auch in der Öffentlichkeit. Die nächsten Zermürbungsopfer sind nämlich die Journalisten und Kommentatoren. Ihnen fällt zum Thema Bahnstreik einfach nichts mehr ein. Trotzdem müssen sie...

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  31.03.2015   11:39   Leserkommentare (6)

Schweigepflicht

Da es leider keine Schweigepflicht für aufmerksamkeitshungrige Politiker gibt, war es nur eine Frage von ein paar Dutzenden Stunden, bis das Thema der ärztlichen Schweigepflicht als Absturzursache beim Luftverkehr aufs Tapet kam. Zur groben Einschätzung der Wichtigkeit dieses Themas hier eine Risiko-Überschlagsrechnung: Es gibt jährlich ungefähr 30 bis 40 Millionen Flugbewegungen weltweit. Daß ein Pilot sich am Steuerknüppel seiner Maschine umbringt, kommt im statistischen Durchschnitt – wiederum weltweit – nur alle paar Jahre vor. Die Wahrscheinlichkeit hierfür beträgt eins zu 100 Millionen. Die Wahrscheinlichkeit, sechs Richtige im Lotto zu haben, beträgt eins zu 14 Millionen. Die schweigepflichtsensitiven Politiker möchten sich also gesetzgeberisch um einen Fall kümmern, der zirka achtmal unwahrscheinlicher als ein...

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Kategorie(n): Inland 

  20.03.2015   15:17   Leserkommentare (1)

Sonnenfinsternisgedanken

Das anorganische Geschehen hat etwas Beruhigendes. Nichts auf der Welt vollzieht sich mit solcher Zuverlässigkeit wie das Ballett der Gestirne im All. Eine Sonnenfinsternis verspätet sich nicht, hat keine Launen und ihre Dauer steht im voraus fest. Anders als bei einer medizinischen Operation muß man auch nicht um den Ausgang bangen. Wir sind heute, dank wissenschaftlicher Aufklärung, ein paar Ängste los. Doch sie kehren durch den Hintereingang wieder. Jetzt sind es die Sorgen um die Stromversorgung und ums Augenlicht, die das Fieber in die Köpfe bringen.

Bei den Schutzbrillen ließ sich das Fieber in Euro messen. Als die 20-Cent-Objekte aus Pappe und Folie letzte Woche knapp zu werden begannen, stieg ihr Preis – um im Bild zu bleiben – astronomisch. Erst ein Euro, dann zwei, dann acht, zum Schluß wurden im Internethandel 29...

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Kategorie(n): Kultur